ANGEDACHT - Impuls zum Sonntag Exaudi 24.05.2020

Mädchen mit Luftballon

Jeremia 31,31–34 Der neue Bund

31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen,

32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR;

33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Bibelübersetzung: Lutherbibel 2017

Liebe Gemeinde

Das also ist das Ende. Ein Haufen Steine, Trümmer, sonst nichts. Alle Hoffnungen sind verloren, alles Mahnen und Mühen sind hier an ihr Ende gekommen. Das Land ist verwüstet, die Stadt eingenommen. Auch ihn, Jeremia, wird man bald wegführen in die Fremde, wo seine Spuren sich verlieren. Ein letztes Mal will Jeremia den Tempel sehen, den Ort, an dem sein Gott über Jahrhunderte verehrt wurde. Den Ort, für den er so gekämpft hat. Damit das Volk nur hier seinen Gott und nur diesen Gott verehrt.  Aber das Volk, es hat sich als halsstarrig, als verstockt, als uneinsichtig erwiesen. Nun bleiben nur die Trümmer.

Wie es weitergehen kann, ja soll, das weiß keiner. Während Jeremia über die Trümmer des Tempels stolpert, zieht sein Leben an ihm vorbei. Er denkt an die Stimme, die ihn berufen hat, er denkt an seinen heiligen Zorn über das Unrecht, das er mit ansehen musste. Er denkt an seine Verzweiflung, seine Einsamkeit.  

Er denkt an seine Klagen, auch und gerade Gott gegenüber. Was hatte der ihm zugemutet! Ein junger Mann war er noch gewesen und mit seiner Berufung dann bald auf sich allein gestellt. Unheilsbotschaft über Unheilsbotschaft hatte er verkündet. Nun, da es eingetreten ist, spürt er alles andere als Befriedigung. Es ist mehr ein tiefer Schmerz, der ihn erfüllt. Denn das ist auch seine Heimat gewesen, der Ort, an dem er sich seinem Gott nahe fühlte. Was sollte jetzt werden? Die Trümmer - ein Zeugnis auch seiner Vergangenheit, ein Bild versäumter Gelegenheiten, ein Zeichen von Schuld, auf die er immer wieder vergeblich verwiesen hat.

Gescheitertes, verlorenes Leben. Da, wo einst das Zentrum des Glaubens gestanden hat, da, wo die Tafeln des Gesetzes gestanden hat: gähnende Leere, eine Wüste aus Staub, zerborstenen Steinen, verkohlten Balken.
Jeremia hebt aus dem Schutt des Heiligtums eine Scherbe der Gesetzestafeln auf. Er umfasst sie mit der Hand. Er spürt hebräische Buchstaben, die in ihr eingeritzt sind.  Er nimmt und liest. Nur drei Worte kann er auf der Scherbe vom Sinai erkennen: „Damit du lebst.“ Alle Verheißungen Gottes in drei Worten verdichtet, dem Trümmerhaufen und dem Leid, das Jeremia sieht, zum Trotz, „damit du lebst“.

Sein Weg mit Gott, der seines Volkes, der aller Menschen - das merkt Jeremia nun - ist hier nicht zu Ende.

Aus dem Staub der Trümmer, aus den zerborstenen Hoffnungen, wächst, untergründig und kaum zu sehen, etwas Neues. „Damit du lebst“ - die Zerstörung, die Hoffnungslosigkeit sollen nicht das Ende sein. Am Ende steht das Leben, nicht der Tod. „Damit du lebst“ - Gott sagt Ja zu den Menschen, sagt Ja zu meinem Volk, sagt Ja zu mir. Es kommt Jeremia vor, als habe er erstmals wirklich Gott ins Herz gesehen. Die Scherbe wird ihn begleiten. Er nimmt sie mit, trägt sie in seinem Gewand, nah an seinem Herzen. Herz und Herz vereint zusammen. Egal, wohin ihn seine Wege führen werden. Nah am Herzen entsteht neue Hoffnung, vielleicht sogar ein neuer Bund, da, wo nichts mehr zu hoffen war. Kein Ende, nein, vielleicht sogar ein neuer Anfang. Denn „siehe“, spricht Gott, „es kommt die Zeit …“

„Damit du lebst“ - im biblischen Buch des Propheten Jeremia  Liebe Gemeinde lesen wir nichts von dieser Scherbe. Der Schriftsteller Franz Werfel hat sie erfunden in seinem großen Roman über den Propheten, der mit dem Gang durch die Trümmer des Tempels endet. Werfels Roman, in der Zeit des eigenen Exils in Prag in den 1930er Jahren geschrieben, ist der Versuch einer Aktualisierung, einer Fortschreibung der Botschaft des Jeremia in eine neue Zeit. So ist es mit den Worten des Jeremia wohl von Anfang an gewesen. Generation auf Generation hat sich seit der historischen Gestalt des Jeremia an seiner Botschaft gestoßen, gerieben, aber ebenso in ihr Halt und Trost gefunden und sie so fortgeschrieben. Dunkle Unheilsankündigungen und visionäre Bilder einer gelingenden und heilvollen Zukunft verbinden sich miteinander. Im Ringen mit den Erlebnissen, den Widersprüchen der je eigenen Zeit wird Jeremia mit seinen  Hoffnungsbildern die wir gerade gehört haben - vom Trost, vom neuen Bund, vom ins Herz geschriebenen Gesetz zu einem  Begleiter in der eigenen, nur schwer zu fassenden Gegenwart.

Liebe Gemeinde so fern ist uns Jeremia mit seinen Worten in unserer aktuellen Gegenwart nicht. Bilder von zerstörten Städten  und Landstrichen kennen wir aus den Nachrichten.

Und unsere aktuelle Gegenwart ist alles andere als sicher und gewiss. Wir sind unsicher, was die Zukunft bringen wird, ob eine zweite Welle kommen wird, wie geht es weiter mit der Öffnung der Kitas und der Schulen. Wird ein Impfstoff kommen, und wie wird es mit den Ferien und dem Urlaub?  Wie lange sollen wir Masken tragen im Gottesdienst? Wann wird es  wieder anders werden?  Viele Szenarien erscheinen düster, Fakenews verunsichern, Demonstrationen gegen die Coranabeschränkungen drohen die Gesellschaft zu spalten und  werden zum Zweck politischer Machtspiele - vieles deutet in diesen  Tagen mehr auf Unheil als auf Heil.  

Da sind eigene Verletzungen und Ängste, um die wir kreisen und in denen wir uns fast verlieren. Da sind die Sorgen um die Menschen, die einem lieb sind. Und vielleicht sind da Errinnerungen an die Vergangenheit, die nicht vergehen, weil sie nie wirklich ausgesprochen, nie richtig geteilt wurden. Da ist die Sorge um die Zukunft, privat, beruflich, familiär.

Manchmal wandle ich in den Trümmern des eigenen Lebens, den zerstörten Träumen, den verflogenen Hoffnungen. Was gibt mir Kraft, was gibt mir Halt?

Für Jeremia sind es die Verheißungen und Bilder seines Glaubens, die auf einmal neue Bedeutung gewinnen. Israel und Juda - sie werden nicht einfach wiederhergestellt, sondern von Grund auf erneuert. Ein Bund wird verheißen, der nicht aus Gehorsam oder gar aus Angst vor Strafe befolgt wird, sondern der ins Herz geschrieben ist. Ein Sehen und Erkennen Gottes soll kommen, die unmittelbar und nicht angelernt und unterrichtet sind. Eine Welt wird beschrieben, in der die Logik von Schuld und Vergeltung nicht mehr zählt. Jeremia erzählt und erträumt Gegenbilder zu seiner eigenen leidvollen Gegenwart.  Weil Gott das Leben will, und nicht den Tod.
Nicht einfach um eine ferne Zukunft geht es ihm dabei und schon gar nicht um Opium fürs Volk. Jeremia geht es um Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Da ist diese Sehnsucht nach mehr, nach Erfüllung, nach dem Bestehen in diesen Zeiten, nach Heimat und Heimkehr.  Auf festem Grund möchte ich stehen, angekommen sein. Mein Leben soll nicht nur aus Stücken, aus Fragmenten bestehen, sondern einmal ein Ganzes sein, gelungen und sinnerfüllt, für mich ebenso wie für die Welt, in der ich lebe.

Ebenso sehe ich aber auch meine Vergangenheit, das Versäumte, die Schuld, die Verstockung, die Ruinen meines Lebens. Ich sehe meine Verwundungen, meine Zweifel, meine Wut und Enttäuschung, gegenüber mir, meinen Mitmenschen und gegen Gott.                                                                                             

Doch in der Mitte, steht bei Jeremia dieser Traum von Gottes Hinwendung zu den Menschen. Der gewinnt Kraft im Hier und Jetzt. Der verbindet Vergangenheit und Zukunft und macht so gegenwärtiges Leben möglich.                                                                         

Denn er benennt die Schuld wie die Wunden der Vergangenheit, die täglichen Sorgen und öffnet doch den Blick für das, was noch kommt.
Denn in der Zerrissenheit der Welt, des eigenen Selbst kommt Gott auf mich zu, eröffnet mir einen neuen Blick und eine neue Weite. Er spricht so, dass es mir zu Herzen geht: „damit du lebst.“

Und weiter: „Es kommt eine Zeit …“ Eine Zeit, in der ich nicht festgelegt bin auf meine Fehler und meine Defizite.           

Es kommt eine Zeit, in der ich offen meine Verwundungen  benennen kann wie das, was womit ich anderen das Leben schwer mache. Es kommt eine Zeit, in der ich nicht allein, sondern mit anderen zusammen Gottes Zukunft entgegengehe. Es kommt eine Zeit, nicht irgendwann, sondern wenn ich davon rede, träume, singe, dann bricht sie an, ist sie gegenwärtig, vielleicht nur für einen Moment. Aber diese Zeit, die kommt, wirft schon jetzt neues Licht auf die Zeit, die ist.

Es kommt eine Zeit.“ Wir brauchen Bilder der Hoffnungen. Wir brauchen Bilder, in denen Gott zu uns, aber auch zu unserem Land spricht. Wir brauchen Gottes tröstendes „damit du lebst“. Vielleicht auch eingeritzt auf einer Scherbe, die wir nahe am Herzen tragen. Denn Bilder können verblassen.                                           

Ein Bild bleibt – aus dem Alten Testament kennen wir den Regenbogen als Zeichen Gottes für den  neuen Bund mit uns Menschen, mit allen Menschen.

Doch was ist ein Regenbogen mit nur einer Farbe? Wo bleibt dann sein Glanz? Bilder, die mich und meine Welt verändern sollen, muss ich nah an meinem Herzen tragen.

„Es kommt eine Zeit.“ Auch wenn wir die Ungewissheit dieser Zeit spüren, wenn wir den Weg nicht wissen, die Angst der Welt uns gefangen nimmt, auch, ja gerade dann brauchen wir diese Bilder: vom Bund, den Gott mit uns schließt, vom Regenbogen, der Himmel und Erde überspannt, oder von Jeremias kleiner Scherbe mit den drei Worten des Lebens. Nah beim Herzen brauchen wir sie, damit sie nicht verblassen.

Nicht für uns behalten können wir sie, sondern sie ins Leben bringen  umso mehr in diesen Tagen- dann, wenn wir sie teilen, wenn wir davon erzählen, wenn wir sie bezeugen.    Diese Bilder meines Glaubens sind voller Leben, sie gehen zu Herzen, wenn wir sie feiern,  heute so und auch irgendwann wieder  bei Brot und Wein, mit lauten Melodien und Stimmen. Damit Gottes Trost und Zuspruch zu uns kommen. Jetzt und allezeit. Damit du lebst.  Amen

 

Ihr Pfarrerin Gabriele Meyer

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